Sie zählen zu den meistdiskutierten Themen in der Hundehaltung. Dabei gehen viele Hundehalter oft fälschlicherweise davon aus, dass der Unterschied zwischen Sterilisation und Kastration rein geschlechtsspezifisch sei: Die Hündin werde sterilisiert, der Rüde kastriert. Dem ist nicht so.
Sterilisation
Bei diesem Eingriff werden Hündin und Rüde nur unfruchtbar gemacht. Der Geschlechtstrieb und die damit verbundenen Auswirkungen wie Läufigkeit, Blutungen, eventuelle Scheinträchtigkeiten und Deckbereitschaft bleiben erhalten.
Bei der Hündin werden bei einer Sterilisation die Eileiter unterbunden, beim Rüden die Samenleiter. Die Keimdrüsen (also Eierstöcke und Hoden) bleiben erhalten. In Deutschland nimmt man diesen Eingriff nur sehr selten vor, da er kaum Vorteile bringt und besonders bei Hündinnen häufig Probleme verursacht, die weitere Operationen zur Folge haben.
Kastration
Hierbei werden die Keimdrüsen entfernt und damit der größte Teil der Sexualhormone ausgeschaltet. Bei der Hündin gibt es zwei Varianten: Werden nur die Eierstöcke entfernt spricht man von der Ovarioektomie (OE), bei der Entfernung von Eierstöcken inklusive der gesamten Gebärmutter von der Ovariohysterektomie (OHE).
In jüngerer Zeit gilt die Ovarioektomie mit dem Belassen der Gebärmutter als Eingriff der Wahl. Hier bleibt allerdings auch die Möglichkeit von Gebärmutterproblematiken bestehen.
Beim Rüden werden die Hoden entfernt.
Gesetzliche Grundlagen und Einschränkungen
Nach § 6 Tierschutzgesetz fällt die Kastration von Hunden (männlichen und weiblichen) ebenso wie das Kupieren von Ohren und Ruten sowie das Entfernen der Wolfskrallen unter das Amputationsverbot und darf nur beim Vorliegen von medizinischen Gründen vorgenommen werden. Der Wunsch des Tierbesitzers ist dafür nicht ausreichend!
Gründe für eine Kastration
Beim Rüden:
- unerwünschtes oder übersteigertes Sexualverhalten
- sexualhormonbedingte Aggressivität ( bei allen anders bedingten Formen von Aggressivität kann eine Kastration keinen Erfolg bringen!)
- Prostataerkrankungen
- Hodentumoren
Bei der Hündin:
- Verhinderung von Läufigkeit und Trächtigkeit
- hochgradige Scheinträchtigkeiten
- Zyklusstörungen mit Hautveränderungen
- zyklusabhängige Gesäugetumoren
Risiken und Nebenwirkungen
Eine Kastration erfolgt immer in Vollnarkose, welche grundsätzlich ein gewisses Risiko birgt.
Die Bielefelder Kastrationsstudie 2002 von Dr. Gabriele Niepel bringt weitere Nebenwirkungen auf den Punkt:
Bei Hündinnen:
49% zeigen Fellveränderungen
44% zeigen Gewichtszunahme
40% zeigen vermehrten Hunger
28% zeigen Harnträufeln (Inkontinenz)
22% sind aktiver
15% sind lethargischer
11% sind aggressiver gegen Hunde allgemein
9% sind aggressiver gegen Hündinnen
Bei Rüden:
47% zeigen Gewichtszunahme
46% zeigen vermehrten Hunger
45% zeigen das Verschwinden von vormaliger Vorhautentzündung
32% zeigen Fellveränderunge
34% sind weniger aggressiv gegen Rüden
9% zeigen Harnträufeln (Inkontinenz)
7% sind weniger aggressiv gegen die Familie
2% sind weniger aggressiv gegen Fremde
Chemische Kastration
Als "chemische Kastration" wird häufig das Verabreichen von Hormonen bezeichnet. Hier werden dem Rüden Gestagene, also weibliche Hormone, injiziert, die ein Gegengewicht zum Testosteron erzeugen sollen. Die Rüden bleiben zeugungsfähig, man erhofft sich aber eine Dämpfung des Sexualverhaltens. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich und keinesfalls als erfolgreich zu bezeichnen.
Kastration mit Superlorin-Implantat
Seit dem Frühjahr 2008 ist dieses Implantat, das bisher bei Wildtieren eingesetzt wurde, auch in Deutschland verfügbar. Über das Implantat wird der Wirkstoff Deslorelin freigesetzt, der auf die Hypophyse wirkt und innerhalb weniger Tage bewirkt, dass ein Testosteronschub in Gang gesetzt wird. Durch den Rückkopplungseffekt Hypophyse-Hoden-Hypophyse wird für die Dauer von etwa 6 Monaten das Testosteron komplett stillgelegt.
In der Wirkung kommt dies einer operativen Kastration gleich, auch die Hoden bilden sich zurück. Der Vorgang ist reversibel, wobei es in Bezug auf die spätere Zeugungsfähigkeit gelegentlich Einschränkungen gibt. Zuchtrüden sollte man dieser Behandlung also eher nicht unterziehen.
Um festzustellen, ob bestimmte Verhaltensweisen eines Rüden durch Sexualhormone bedingt sind, ist diese Methode aber durchaus interessant, da sie im Gegensatz zur bisherigen "chemischen" Kastration echte Rückschlüsse auf das zukünftige Verhalten zulässt.
Das Implantat kann grundsätzlich auch bei Hündinnen eingesetzt werden, doch sind hier die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Derzeit gibt es Anzeichen dafür, dass der Hormonhaushalt von Hündinnen durch das Implantat schwer gestört werden kann.